Kenneth Anders
Kenneth Anders

Udo Muszynski
Udo Muszynski

Sven Wallrath
Sven Wallrath

Programmbeirat für den langen Dokumentarfilm

Vom Leben an Orten des Aufpralls
Manifest des Programmbeirats für den Wettbewerb 2018

Redete man früher über die Provinz, so meinte man einen abgeschiedenen Flecken Erde, an dem die Zeit langsamer ging und das Leben betulich war. Ob dieses Klischee jemals zutraf? Heute stimmt es jedenfalls nicht mehr. Je weiter man aus den Ballungsräumen hinaus geht, umso erbarmungsloser wird man in die Widersprüche unserer Zeit verwickelt.

Die langen Dokumentationen unseres diesjährigen Wettbewerbs zeigen Menschen, die zwischen gestern und morgen oder verschiedenen Welten balancieren und dabei auf sich zurückgeworfen werden. Junge Leute aus Berlin kommen auf einen polnischen Bauernhof und sehen ihre Ideen von Frieden und positiver Energie strapaziert. In einer ostdeutschen Bergbaufolgelandschaft stehen sich Tradition, Naturschutz und die schweren Schicksale von Menschen aus ganz anderen Teilen der Welt beinahe unvermittelt gegenüber. In Französisch Guyana müssen die Menschen träumen, um für ihre Gegenwart zwischen Weltraumflughafen und Regenwald einen Halt zu finden. In der vietnamesischen Halong-Bucht bringen Naturschutz und Tourismus zugleich die Vernichtung gewachsener Dörfer mit sich. Und in Ekuador verstummt die Natur, derweil ein Soundforscher versucht, ihre Geräusche aufzuzeichnen, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Die Filme, nach denen wir suchen, sind nicht investigativ im Sinne einer Reportage – das ist ein anderes Genre. Wir entscheiden uns für Dokumentationen, in denen die Protagonisten mit den Filmemachern gemeinsam ein Stück dieser schwierigen Welt beschreiben – um es besser zu verstehen und um etwas zu haben, worauf man sich besinnen kann. Die Qualität ihrer Zusammenarbeit drückt sich in den Filmen durch Genauigkeit, Ruhe und Empathie aus. Inmitten von Widersprüchen und schlechten Alternativen vernünftig zu handeln, das ist sehr schwer. Die Menschen, die wir in den Filmen sehen, erfahren das und wir erfahren es mit ihnen.

Programmbeirat für den langen Dokumentarfilm
Kenneth Anders / Udo Muszynski / Sven Wallrath

Tim Altrichter
Tim Altrichter

Tobias Hartmann
Tobias Hartmann

Thomas Winkelkotte
Thomas Winkelkotte

Programmbeirat Kurzdokumentarfilm

Manifest des Programmbeirats Kurzdokumentarfilm für den Wettbewerb 2018

Kurze und lange Dokumentarfilme unterscheiden sich in mehr als nur der Länge. Fragen der Finanzierung stellen sich anders; der Zugang zur Materie kann oft unmittelbarer sein, da es nicht eines großen Teams bedarf. In diesem Jahr fällt uns auf, dass die von uns präsentierten Arbeiten im Wesentlichen von einer einzelnen Person hergestellt wurden. Die kurze Form muss nicht ausleuchten, sie kann ein Schlaglicht werfen. So können die Arbeiten kompromisslos sein und uns fragend, uns eventuell gar zweifelnd zurück lassen. Wir freuen uns über Arbeiten, die dabei die Gewissheiten in Frage stellen, die uns die täglichen Schlagzeilen oftmals aufdrängen wollen.
Durch die punktuellen Betrachtungsweisen erlangen wir von den Rändern der Welt ein vielfältiges Bild. Flucht und Migration sind dabei Thema, wie auch das Beharren auf einen Ort, der nicht aufgegeben werden kann und soll. Weitere Themen, die uns durch die Schlagzeilen bedrängen, wie Struktur- und Klimawandel werden in den vorgestellten Arbeiten durch nüchterne Betrachtungen und Beobachtungen heruntergebrochen und bekommen so eine persönliche Farbe.
Unser Ziel ist es, die Kurzdokumentationen im Wettbewerb in einen Dialog zum Thema Provinz treten zu lassen. Die verschiedenen Beiträge sollen in der gemeinsamen Darstellung ein größeres Ganzes bilden. Das Provinzielle verschafft sich dabei eine eigene Projektionsfläche, durch Einblicke in Lebenswelten, die sonst schnell übersehen oder vergessen werden.

Programmbeirat Kurzdokumentarfilm
Tim Altrichter / Tobias Hartmann / Thomas Winkelkotte

Sascha Leeske
Sascha Leeske

Katja Ziebarth
Katja Ziebarth

Lars Fischer
Lars Fischer

Programmbeirat Kurzspielfilm

Menschen in ihren Landschaften
Über Kurzspielfilme im Wettbewerb der PROVINZIALE

In den vergangenen Jahren haben wir an dieser Stelle geschrieben, dass wir unter den rund 500 Filmen, die wir für den Wettbewerb der PROVINZIALE sichten, auf die Suche nach Filmen gehen, in denen der Raum, oder besser: die Landschaft in der die Protagonisten leben, arbeiten, träumen, hoffen, lieben… eine wichtige Rolle für die Charaktere und die erzählte Geschichte spielt. Wir haben diesen Anspruch, Landschaft nicht nur als Kulisse, sondern als wichtige Mitspielerin zu sehen, auch begründet. Wir Menschen sind räumliche Wesen, unser Leben ist an die praktische Aneignung von Räumen und Landschaften gebunden. Der uns umgebende Raum ist Produkt und Ausdruck unseres Lebens. Er schreibt sich ein in die Menschen, in ihre sinnlichen Vermögen, ihre Mentalität. Es macht einen Unterschied, wo jemand aufwuchs. Ob Kleinstadt, Dorf, Einsiedelei, metropolitaner Schmelztiegel, Heimat oder Fremde, mit oder ohne Wohnung: Die räumliche Bedingtheit des Lebens soll ins Spiel und zu ihrem Recht kommen.
Wir waren zuversichtlich, unter den Einsendungen immer mehr Filme zu finden, die vor diesen Ansprüchen bestehen.
Diese Zuversicht hat sich bestätigt. Wir haben in diesem Jahr ein Programm von – im besten Sinne des Wortes – raumgreifenden kurzen Spielfilmen zusammenstellen können. Filme in denen das Wechselspiel von Mensch und Landschaft sichtbar, mitfühlbar, begreifbar wird. Dieses Spiel ist nicht von einfacher Art, sondern geht verschlungene Wege mit vielen Kreuzungen, Sackgassen, Einbahnstraßen, Feldwegen, Tunneln… und verschränkt verschiedene Zeiten. Landschaften haben ihre Geschichte, tragen die Spuren der Menschen, die in ihr lebten und leben. Sie sind sich aber nicht selbst genug. Die ganze Welt wirkt in sie hinein: Kriege, Flucht und Vertreibung, Konsumversprechen, religiöse Vorstellungen, Finanzströme sind vielfach präsent und beeinflussen das Handeln der Menschen, die wiederum die Landschaft beeinflussen, verändern, gestalten.

Unsere diesjährige Auswahl erzählt von alldem in kurzen, aber dichten Filmen über Land und Leute. Es ist von enttäuschter Heimkehr die Rede, von erzwungener Flucht, von der einsamen Hoffnung auf Frieden, von Riten und Sehnsüchten des Alltags, von der Arbeit, von der Liebe zum Land, von bedrohter Nachbarschaft, von Familien, vom Tod. Jeder Film eine Geschichte für sich, alle zusammen ein facettenreicher Blick auf die Welt – in jedem Fall 14 Aufforderungen zum Gespräch.
Wir freuen uns auf eure Sichtweisen.

Programmbeirat Kurzspielfilm
Katja Ziebarth / Sascha Leeske / Lars Fischer

Nele-Fischer
Almut-Undisz
Steffen-Neumann

Programmbeirat Animationsfilm

Fruchtbare Animationsfilme: Weiche Schale, harter Kern.

Der Animationsfilm zeichnet sich durch eine Vielzahl von Macharten aus. Wir wollenihn darin nicht beschränken, denn diese Diversität bringt Farbe. Und dennoch darf die Machart nicht beliebig sein. Sie muss sich begründen. Sie soll Inhalte tragen und stützen – eine Schale, die die Frucht hält. Und diese Schale soll weich sein. Uns ist eine individuelle, kreative und liebevolle Optik mit charakteristischer Wirkung wichtig.

Das Fruchtfleisch ist die Struktur. Die Geschichte. Mal süß, mal bitter, scharf oder saftig bettet sie den Kern. Der Animationsfilm hat viele Möglichkeiten seine Geschichte zu erzählen. Wir suchen Filme, die die Spannung zwischen Schale und Kern tragen können, die ihre spezifischen Gestaltungsmittel nutzen, um packend, überraschend und konsequent zu erzählen.

Der Kern selbst, der Inhalt, ist uns das Wichtigste bei den Filmen. Und wir suchen einen harten Kern: Themen, die zum Nachdenken anregen, die aufrütteln und die Kommunikation loslösen. Ein Kern, der den Film nicht aufhören lässt, wenn er zu Ende ist, der dem Film Tiefgang verleiht. Wir suchen individuelle, kleine Geschichten, die für das Große stehen.

Am Ende müssen alle drei – Schale, Fruchtfleisch und Kern – zusammen eine Frucht ergeben.

Programmbeirat Animationsfilm
Nele Fischer / Almut Undisz / Steffen Neumann